Vom Aufbruch in der Finsternis

Über die Wiederkehr am Ende aller Wege

Selbst hier in diesem Eintrag einen Anfang zu finden, fällt mir schwer, um wie viel schwerer ist es doch im Leben, wie in der Schöpfung!

Am Ende aller Wege aufzubrechen, inmitten der tiefsten Finsternis, scheint völlig unmöglich und doch bin ich hier, um Zeugnis davon abzulegen oder wenigstens, um mein Ringen um die Versuche, zu beschreiben.

Am Anfang stellt sich die Frage nach dem Warum! Wodurch der Verweis auf den letzten Eintrag umso leichter ausfällt, in dem ich das EIGENE ÜBERLEBEN IN DER SCHÖPFUNG bereits habe anklingen lassen.

Dies wurde inmitten des dunklen Pfades verfasst, da wir um ein geliebtes Leben kämpften. Wenig wussten wir, dass es sich hierbei erst um den Anfang handelte, denn weitere Hiobsbotschaften und der Schrecken der Krankheit würden uns am Ende dieses Jahres, unerbittlich und grausam, heimsuchen, über anderthalb Jahre peinigen und schließlich in die Knie zu zwingen versuchen.

In der Welt fanden wir keinen Halt mehr. Im Leben gab es nichts mehr zu holen. Inmitten der bittersten Finsternis und peinigenden Schmerzes aber, entfachte der Herr, unser Gott, seine Lichter, uns durch das Jammertal zu führen, immer wieder zu kräftigen, hier und da umzukehren, wenn die Last zu schwer wurde und der Teufel einen mit vollem Hass heimsuchte, und schließlich vollends zu entrücken.

Es ist vollbracht., schrieb ich meiner Familie die endgültige Nachricht, völlig umnachtet und wirr, taub vor Schmerz, zerschmettert und innerlich zerrissen bis ins Mark, um das traurige Leiden meiner geliebten Frau mit Christi Leiden gleichzusetzen und sie zu erheben in Gottes ewiges Himmelsreiche.

In Deine Hände befehle ich ihren Geist., sprach ich weiter. Und sang aus vollem Leibe, die Gesänge der Liturgie, wie auch das eine Gebet ihres buddhistischen Glaubens, welches ich zu singen vermag.

Diese Augenblicke wurden zu einer Erhöhung in Gott, die nach all dem schweren Leid nur vollkommen logisch und angemessen schien und es auch war. Wie viel tatsächlicher Schmerz und innerlichster Kummer wirklich in allem lag, würde sich erst in der kommenden Zeit, bis in diesen Augenblick, da ich nach Worten ringe, sie hier niederzuschreiben, zeigen.

Und der Worte sind es zu wenig und sie sind nur ein Schatten dessen, was wirklich geschah und wirklich vor sich geht und wirklich erlitten wird.

Der schweren Zeit ging verschiedene Wegsteine voran, in den ich mich allem entledigen musste, um als Begleiter, Helfer und Ehemann stark genug zu sein, meiner Frau die verdiente und notwendige Stütze zu geben.

Es fühlte sich ein wenig, wie das langsame Dahinscheiden in der Welt an:

Ein notwendiger Verzicht und die langsame Erkenntnis darüber, halfen mir auf dem beschwerlichen Weg und so hoffentlich auch meiner geliebten Frau.

Doch nun stehe ich hier und kann nicht anders…

Liegt mein Überleben tatsächlich in der Schöpfung?

Nun, das weiß ich nicht genau, gewiss nicht, oder nicht allein, oder wenn, dann ist das Schreiben nur ein Werkzeug, welches mir wieder aufs Neue zum Erwachen gereicht wird. Ja, vielleicht sogar ums Überleben Willen.

Denn in den vielschichtigen Texten vermag ich all die Traurigkeit, den Kummer, den Schmerz, einfließen zu lassen, wenn auch nur als Abglanz jenes wahren Sinnes, der sich eigentlich weder in Worte fassen noch tatsächlich beschreiben lässt.

Wie also findet man nach all dem Elend einen Anfang?

Aus der Liebe zu meiner Frau heraus und dem Wunsch sie zu ehren und zu preisen! Und ihre Erinnerung wach zu halten, als Lebensinhalt für mich und kommenden Lebenspfad, dem zu folgen ich mit aller Kraft und Hingabe gedenke.

Voller Zwiespalt ist all dies dennoch und das ist nicht verwunderlich!

Die Frage nach dem Sinn kommt auf, wo das Jenseits doch alles umfasst in diesen Tagen und das Diesseits im Leben der Isolation doch täglich zu verschwinden scheint.

Die Gewissheit der Diskrepanz zwischen erhoffter und tatsächlicher Bedeutung ist auch sicher. Aber hier kommen erneut Verzicht und die Erkenntnis darüber ins Spiel. Es geht allein um das Sein und Tun.

Hier muss ich mich selbst erheben, weil es mir schwerfällt irgendeine Art von Sinn in irgend etwas zu erkennen und deshalb fehlt mir auch jegliche Kraft.

Die Frage nach der Wiederkehr ist, es gibt keine.

Und wenn es sie gibt, dann wird sie nach Augenblicken bereits unterbrochen, weil die Trauer einen übermannt, der Schmerz einen zerreißt und die gefährliche Nähe zum Jenseits einen in die Tiefe reißt.

Es gibt keine Wiederkehr und wenn man sich doch irgendwie aus den Klauen der Trauer, des Schmerzes, des Leids und der Verzweiflung zu reißen vermag, dann als verwundete Seele, als kümmerliche Gestalt, die nur noch ein Abglanz des Menschen ist, der man einstmals war.

Der Rückkehr aus den Wirren eines Krieges gleicht diese Wiederkehr!

Man hat gelitten und gekämpft, unendliches Leid erleben müssen und am Ende doch alles verloren. Auch wenn man viele kleine Schlachten gewonnen hat, der Sieg des Krieges ist an den Gegner gegangen.

Im ewigen Antlitz Gottes jedoch, war dieser Krieg nur ein weltlicher, den der Teufel verloren hat, denn die reine Seele wurde nicht beschmutzt, das ICH blieb durch all die Dunkelheit hindurch, vollends erhalten. Versucht die Krankheit doch alles zu rauben und zu vernichten, was den Menschen bis in der Seele Tiefe ausmacht.

Aber das ist ihr nicht gelungen!

Nur die Wiederkehr aus dieser Schlacht, ist eine schwere, langsame, bittere und elende, die Wunden trage ich stets in mir und für mich hört dieser Sturm, aus dem ich zu entrinnen versuche, niemals auf.

Darum ist es vielleicht keine Wiederkehr, sondern einfach ein Aufbegehren gegen die Stille und das Schweigen. Nicht nur gab es keinen Zeitpunkt, da ich die Feder vollends ruhen ließ, noch habe ich mich innerlich mit einem Schlussstrich abgefunden. Man fängt aber auch nicht dort an, wo man aufgehört hat.

Alles geschieht aus einem seltsam, eigentlich unbeschreiblichen Zustand voller Traurigkeit, Verzweiflung und Angst heraus, vielleicht in der Hoffnung auf ein Überleben oder wenigstens aus der Bitte um Stärkung heraus, denn dieses Kreuz muss getragen werden, bis zum bitteren Ende oder wundersamen Anfang.

Und so lasse ich den Geist erneut erwachen, die Feder in die Hand zu nehmen und die Blätter in die Welt zu tragen, um Spuren zu hinterlassen.

Spuren des Daseins, der Trauer und der Liebe, die ich auf ewig in mir trage, in einer Wiederkehr unter schwerer Last, auf einem steinigen Pfad, in finsterer und bitter kalter Nacht.

Spuren unter dem Kreuz, welches mir auferlegt wurde…

Die Wiederkehr ist eine Notwendige, erfolgt im Überlebenskampf heraus, ohne Kraft oder Ziel oder Plan, einfach nur, weil es einen Aufbruch geben muss.

Und erneut wird mir die Schöpfung zum Überleben gereicht, wie ein Kelch, der nicht an mir vorüberziehen kann.

Das ist mein Weg, das ist die Bürde, die mir auferlegt wurde.

Dies ist eine Wiederkehr um der Spuren Willen...

RR, 16.09.2020